Die Chemieindustrie in Hessen sieht sich weiterhin mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. Eine Mehrheit der Unternehmen rechnet mit stagnierenden oder rückläufigen Geschäften in den kommenden Monaten. Ohne Entlastungen bei Regulierung, Bürokratie sowie Energie- und Arbeitskosten droht ein weiterer Verlust an industrieller Substanz. Im Jahr 2025 erzielte die chemisch-pharmazeutische Industrie in Hessen mit rund fünfundfünfzigtausend Beschäftigten einen Umsatz von 30,9 Milliarden Euro. Damit lag der Umsatz um 1,9 Prozent, die Beschäftigung um 1,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau. In der Pharmaindustrie zeigte sich ein leicht positives Bild mit einem Umsatz von knapp 18,4 Milliarden Euro und einem Produktionsplus von 1,9 Prozent, allerdings vor allem durch vorgezogene Exporte infolge der US-Zollpolitik. Für 2026 wird eine gedämpfte Entwicklung erwartet.
Chemieindustrie mit schwacher Entwicklung in der Produktion
Deutlich angespannter ist die Lage in der klassischen Chemie: Die Produktion sank um 4,2 Prozent, der Umsatz um gut sechs Prozent auf 12,5 Milliarden Euro. Seit 2021 ist die chemische Produktion in Hessen damit um 31 Prozent zurückgegangen. Neben strukturellen Herausforderungen belasten auch steigende Energie- und Rohstoffkosten sowie geopolitische Entwicklungen die Branche. Der Ausblick bleibt entsprechend verhalten.
Branche unter Druck durch steigende Kosten
Steigende Arbeitskosten und Sozialabgaben belasten die Unternehmen zunehmend. Die Abgabenquote liegt bereits bei über 42 Prozent und beeinträchtigt die internationale Wettbewerbsfähigkeit. „Die Arbeitskosten sind zu einer zentralen Belastung geworden. Die Sozialabgaben liegen bereits bei 42,3 Prozent, mit steigender Tendenz. Das schwächt unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit“, betont Oliver Coenenberg, Vorstandsvorsitzender Hessenchemie und Geschäftsführer und Arbeitsdirektor bei Sanofi-Aventis Deutschland. „Bei der Rente braucht es jetzt Reformen, sonst steigen die Beiträge weiter. Und auch im Gesundheitssystem besteht akuter Handlungsbedarf: Vorschläge liegen vor. Jetzt müssen daraus aber auch tragfähige Lösungen werden. Zusätzliche Belastungen für die Pharmaindustrie müssen dabei vermieden werden.“
Tarifabschluss setzt Signal für die Chemieindustrie
Der Tarifabschluss im März 2026 wird von den Verbänden als ausgewogen bewertet. Moderate Entgeltsteigerungen werden mit Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung kombiniert. „Der Tarifabschluss zeigt, wie verantwortungsvolle Gestaltung in schwierigen Zeiten aussehen kann“, sagt Dirk Meyer, Hauptgeschäftsführer Hessenchemie. „Moderate Entgeltsteigerungen werden bewusst mit Investitionen in Beschäftigungssicherung und Transformation verbunden. In dieser Phase geht es nicht um kurzfristige Verteilung, sondern um die Sicherung wirtschaftlicher Substanz. Somit kann auch die von der Bundesregierung vorgeschlagene, aber von den Arbeitgebern zu zahlende, steuerfreie Entlastungsprämie in der Chemiebranche keine relevante Rolle spielen.“
Energiepolitik bleibt zentrales Thema
Energie- und klimapolitische Rahmenbedingungen bleiben ein entscheidender Faktor für die Branche. Die Genehmigung des Industriestrompreises durch die EU-Kommission wird als Schritt bewertet, reicht jedoch aus Sicht der Unternehmen nicht aus. Hohe Energiekosten und komplexe regulatorische Vorgaben bremsen Investitionen. „Allen Beteiligten muss klar sein: Auch wenn der Industriestrompreis nun kommt, ist die Arbeit nicht getan. Denn für die Chemie wird die Energie- und Klimapolitik zunehmend zum Standortrisiko. Klimaschutz kann nur dann funktionieren, wenn er wettbewerbsfähig ausgestaltet ist. Andernfalls stehen weitere Arbeitsplätze und Standorte auf dem Spiel“, erklärt Dr. Joachim Kreysing, Vorstandsvorsitzender VCI Hessen und Geschäftsführer Infraserv Höchst.
Chemieindustrie fordert verlässliche Standortpolitik
Neben Energie- und Kostenfragen stehen auch gesundheitspolitische Rahmenbedingungen im Fokus. Die pharmazeutische Industrie trägt bereits in erheblichem Umfang zur Finanzierung des Systems bei. Weitere Belastungen werden kritisch gesehen. „Unternehmen entscheiden heute global, wo sie investieren, produzieren und forschen. In dieser Situation dürfen wir unsere Standortattraktivität nicht weiter selbst schwächen“, ergänzt Sula Lockl, Geschäftsführerin VCI Hessen.
Ausblick für die Chemieindustrie bleibt verhalten
Die Erwartungen der Unternehmen sind überwiegend negativ. Rund 80 Prozent rechnen mit stagnierender oder sinkender Produktion, 72 Prozent mit rückläufigen Umsätzen und 92 Prozent sehen keine Verbesserung ihrer Gewinne. Auch Investitionen dürften in vielen Fällen zurückgehen. Vor diesem Hintergrund fordern die Chemieverbände Hessen umfassende Reformen. Dazu zählen insbesondere die Senkung der Sozialabgaben, wettbewerbsfähige Energiepreise sowie ein Abbau regulatorischer Hürden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Chemieindustrie langfristig zu sichern.